Workshop Verpflegung in stationären Senioreneinrichtungen, am 05. Feb. 2020: 

Ernährungstherapie bei Typ-2-Diabetes –

Is(s)t im Alter alles anders?

 

Helmut Nussbaumer, MSc.

Jeder dritte Pflegeheimbewohner hat Diabetes

Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Patienten meist groß: Manche Bewohner mit Diabetes sind noch richtig fit, andere sind eher gebrechlich und multimorbide. Die einen haben ein normales Körpergewicht (oder sogar Untergewicht), die anderen sind übergewichtig oder adipös. Zumeist findet sich eine Mobilitätseinschränkung ebenso wie Pflegebedürftigkeit. Demenzerkrankungen stellen eine weitere Herausforderung dar. Für alle Hochbetagten gilt:

„Die Lebensqualität steht im Vordergrund!“

 

Darin besteht kein Zweifel, eine reduzierte Kohlenhydrataufnahme lässt den Blutzucker (BZ) deutlich geringer ansteigen als die frühere Empfehlung bis zu 60 Energieprozent davon zu verzehren. Obwohl bereits 2005 in den Diabetes-Ernährungs-Leitlinien keine Evidenz für diese hohe Zufuhrmenge festgemacht werden konnte, sondern sich die Empfehlung lediglich aus der damals üblichen Fett und Proteinbegrenzung ableitete, wird die Quelle aktuell noch immer zitiert. Eine reichliche Kohlenhydratzufuhr resultiert nicht nur in höheren postprandialen BZ Werten, sondern erfordert zudem ein Steigerung BZ senkender Medikamente. Es gibt keine allgemein gültige Diabetes-Ernährungsintervention, die all den unterschiedlichen Diabetesformen im Alter gerecht wird, es gilt individuelle Ernährungsempfehlungen bzw. Ernährungstherapien durchzuführen.

 

Kohlenhydrate

„Essen Sie reichlich Kohlenhydrate (KH) aus Brot, Kartoffeln, Reis oder Nudeln – am besten zu jeder Mahlzeit, denn sie sind unsere wichtigsten Energielieferanten“, heißt es da in Ernährungsempfehlungen für Menschen mit Typ-2-DM. Oder: „Verzehren Sie viele stärkereiche Lebensmittel, da die Stärke erst zu Glukose abgebaut werden muss, wird sie Ihren Blutzuckerspiegel nur ganz langsam steigern.“

Nur was, wenn die gewonnene Energie zwecks Bewegungsmangel im Alter nicht mehr verbrannt wird bzw. die stärkehaltigen Salzkartoffeln die Blutglukose doch rasch anfluten lassen? Eine Körperfettzunahme – nicht nur in der Leber – ist die zwingende Konsequenz und die Insulinresistenz wird weiter verstärkt.

Kohlenhydrat-Empfehlung: praxisnah und zeitgemäß

·         Dort wo früher die KH Zufuhrempfehlungen begann (bei mind. 45 Energieprozent), sollte heute die Aufnahme für insulinresistente Menschen enden.

·         Stärke hat dieselbe glykämische Wirkung wie Zucker. Ein Maß für die adäquate Aufnahmemenge, stellt die BZ Messung 2 h nach der Mahlzeit dar. Liegt die Blutglukose über dem individuell festgelegten Zielwert von 140 bis ca. 180 mg/dl, so wurden zumeist mehr KH konsumiert als der Körper in der Lage ist zu verstoffwechseln. 

·         Wird Vollkornmehl fein vermahlen, so liegt durch die aufgebrochenen Randschichten die Stärke (= Glukose) frei und erhöht den Blutzuckerspiegel vergleichbar wie Weißmehl.

·         Lösliche Ballaststoffe (z.B. aus Hafer wirken besonders vorteilhaft).

 
   

 

Geeignete Lebensmitte: Roggen- oder Haferbrote aus ganzem/grob geschroteten Korn – sofern diese gekaut werden können, Eiweißbrote (Vorteil: hoher Ballaststoffanteil, sehr leicht zu kauen – Geriatrie!); Haferflocken; Linsen, Erbsen, Bohnen; Nudeln mit reduziertem Kohlenhydratanteil (meist aus Leinmehl oder Hülsenfrüchten hergestellt); Beeren (auch tiefgekühlt – erhitzen!); ganze gekochte Körner wie z.B. Buchweizen, Quinoa oder Amaranth; Schokolade mit mind. 75 % Kakaoanteil. Erythrit und Stevia als Zucker-/Süßstoffersatz.

 

Eiweiß

„Zuviel Eiweiß schädigt die Nieren!“ Auch diese Behauptung kann gegenwärtig nicht mehr gehalten werden. Die Zufuhr ist vor allem im Alter wichtig, um den voranschreitenden Muskelabbau gegenzusteuern!

Selbst bei bestehender diabetischer Nephropathie liegen die Zufuhrempfehlungen bei
0,8 Gramm/kg Körpergewicht und streng eiweißarme Kostformen gelten als obsolet, da eine katabole Stoffwechsellage dringend vermieden werden muss.  

Eiweiß-Empfehlung: praxisnah und zeitgemäß

·         Die Eiweißzufuhr bei einer Kohlenhydratreduktion zu steigern ist unerlässlich. Hierbei erscheint es sinnvoll pflanzlichen Proteinquellen, nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen, den Vorzug zu geben.

·         Bei erhöhter Proteinzufuhr sollte parallel die Trinkmenge gesteigert werden.

·         Eine Steigerung der Proteinzufuhr begünstigt:

-          Diabetes- und Blutdruckeinstellung

-          Gewichtsmanagement, Sättigung und Thermogenese

-          Lipide und Entzündungsprozesse

-          Erhalt der Muskelmasse

 
   

 

 

Geeignete Lebensmittel: Hülsenfrüchte, Soja; Nüsse; Quark; Sauermilchprodukte, wie Naturjoghurt (z.B. 3,8 % Fett), Buttermilch, Kefir; Käse; Eier; Fisch; Fleisch (insbesondere Hähnchen/Pute). Verarbeitete Fleisch- und Wurstwaren (inkl. Schinken) sollten möglichst vermieden werden, da sich neben anderen Inhaltsstoffen vor allem das Nitritpökelsalz negativ auswirken kann. Kalter Bratenaufschnitt kann eine Nitritpökelsalz freie Alternative zu Schinken sein.

 

 

Fett

„Fett macht Fett!“ Unter diesem Motto wurde die letzten Jahrzehnte zur strikten Fettbegrenzung geraten – der gewünschte Effekt blieb aus – da vermehrt zu KH gegriffen wurde! Um messbare Erfolge in der Ernährungstherapie des Typ-2-DM zu erzielen, empfiehlt die Amerikanische Diabetes Gesellschaft mittlerweile:

·         eine Low-Carb-Ernährung,

·         eine traditionelle (low-carb) mediterrane Kost, wie in den 60er Jahren auf Kreta üblich oder 

·         den Einsatz von Formuladiäten, die ebenfalls geringe Mengen an KH aufweisen,

jeweils mit dem Ziel, die Kalorien zu reduzieren, den Insulinspiegel niedrig zu halten und die Gewichtsabnahme bei Adipositas zu fördern. Von einer Low-Fat-Ernährungsempfehlung haben sich die Guidelines inzwischen distanziert. Zudem wird sich die für 2020 erwartete Praxisempfehlung zur Ernährungstherapie des Typ-2-DM (Deutsche Diabetesgesellschaft) ebenso für eine klare Herabsetzung der KH sowie eine Steigerung der Fett- und Eiweißzufuhr aussprechen.

 

Fett-Empfehlung: praxisnah und zeitgemäß

·         Pflanzliche Fette sollten bevorzugt werden.

·         Nicht alle gesättigten Fette sind gelichermaßen ungünstig. Insbesondere Milchfett schneidet hinsichtlich des Typ-2-DM durchaus positiv ab.

·         Cholesterin stellt keinen bedenklichen Nährstoff mehr dar.

·         Dem Aspekt, dass Fett wesentlich zur Sättigung beiträgt, wurde lange Zeit nicht genügend Rechnung getragen. Die Sättigung ist wichtig, um längere Esspausen zwischen den Mahlzeiten zu garantieren.

·         Insbesondere wenn KH durch Fette ersetzt werden, dienen gesättigte Fette zur Energieversorgung.

 
   

 

Geeignete Lebensmittel: Alle Pflanzenöle (besonders Olivenöl), vegetarische Aufstriche auf Pflanzenölbasis (ohne Palmfett); Oliven; Nüsse jeglicher Art; Mohn; Milchfette (Käse, Obers, Butter); Schokolade > 85 % Kakaoanteil; Avocado (Nachhaltigkeit?); Nüsse und Samen in der Geriatrie ggf. fein vermahlen!

 

Alle aufgewiesenen Lebensmittel sollten stehts mit reichlich Gemüse und Salat der Saison ergänzt werden. Als Getränk kann primär Wasser/Mineralwasser (mit Zitrone, Minze, Ingwer…), ungesüßter Tee und Kaffee empfohlen werden. Moderate Mengen Wein wirken günstiger als Bier oder Hochprozentiges. Da sich die Studienlage bezüglich negativen Auswirkungen von Süßstoffen – hinsichtlich des Mikrobioms, der GLP-1 Wirkung bzw. des KHK-Risikos häuft – sollte eine Empfehlung bzw. der Einsatz in höheren Mengen besonders sorgfältig getroffen werden.  

 

Blutzuckersenkende Medikamente

Zudem steht eine Reihe Antidiabetika bzw. Insulin zur BZ Senkung zur Verfügung. Häufige Interkation mit der Nahrung werden hier beschrieben. Veränderung der Medikation dürfen ausschließlich nach ärztlicher Anordnung erfolgen.

 

 

Fazit:

Die Planung und Umsetzung krankheitsspezifischer Ernährungsweisen sollte immer durch ein multiprofessionelles Team (Arzt, Pflege, Ernährungsfachkraft, (Diät-)koch) erfolgen.

 

 

 

Seminarnachlese: VDD Diabetes Update Frankfurt, 28.06.2019

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Auszug Leitlinie: Ernährungs-Therapie bei Insulinresistenz - wie viel Gramm Kohlenhydrate?
Guideline for the Management of Insulin Resistance
Guideline IRS.docx
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Seminarnachlese: myLINE Diabetes-Refresher Linz, 22.05.2019

Warum werden Menschen insulinresistent?

 

Die Antwort ist denkbar einfach. Körperzellen möchten sich bei entsprechender Prädisposition vor einer permanenten Überversorgung mit Glukose schützen und schalten bei Bedarf auf „Zuckeraufnahmestopp“! Sie verweigern sich mittels Insulinresistenz einer unphysiologisch hohen Glukoseaufnahme und verhindern somit ihre Überversorgung, denn bei mangelnder Bewegung wird der aufgenommene Traubenzucker nicht mehr verwertet. Das Ganze stellt eine Art Eigenschutzprogramm der Zellen dar, um sich nicht unaufhörlich durch die Umwandlung und Einlagerung von Glukose in Fett zu vergrößern. Eine durch kontinuierliche Fetteinlagerungen erweiterte Zelle ist selbst nicht mehr in der Lage, die Sauerstoffversorgung aufrecht zu erhalten – es droht eine Hypoxie mit vermehrter Apoptose. In weiterer Folge schütten die Zellen weniger schützendes Adiponektin aus, was die Insulinresistenz wiederum verstärkt (vgl. Keuper et al. 2011; Govers et al. 2015).

 

Das verminderte Sauerstoffangebot der vergrößerten Zellen ähnelt einem Erstickungstod. Bei dem Überlebenskampf reduzieren die Zellen zum einen ihre Stickstoffmonoxid-Freisetzung mit resultierender Gefäßverengung und verminderten Immunabwehr, andererseits produzieren sie vermehrt Entzündungsstoffe wie Tumornekrosefaktor-alpha oder Interleukin-6 mit dem Ziel, die Bildung neuer Kapillargefäße für eine bessere O2-Versorgung anzuregen (vgl. Keuper et al. 2011; Avila-George et al. 2017; Nussbaumer H., Ernährungsempfehlungen bei Typ-2-Diabetes, 2019). 


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Diesen Artikel sollten Sie lesen

Gegen Diabetes und Adipositas

"Dein Freund, der Ketonkörper"                                                                    (meist gelesener Artikel im Deutschen Ärzteblatt 2018)

https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=201673

Zusammenfassung des DDG Workshops

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Handout DDG Workshop "Wurstbrot" 2018 Wiesbaden
Handout - Wurstbrot DDG Herbst 2018.pdf
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Presse Artikel

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Ernährung bei Typ-2-Diabetes
Grundlagenwissen Typ-2-Diabetes & Ernährungsempfehlungen
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